| Irgendwann im Spätsommer diesen Jahres. Es ist 8.00h morgens und überhaupt
noch nicht meine Zeit. Ich muß zum Bezirksrathaus in Ehrenfeld - brauche
einen neuen Personalausweis. Erstens, weil er abgelaufen ist - was mir
allerdings nicht viel ausmacht; Zweitens, weil meine (damalige) Freundin mit mir ins Spielcasino Hohensyburg gehen möchte und dafür brauch man einen gültigen Ausweis. Und drittens, weil meine (damalige) Frau und das Amtsgericht von mir einen gültigen Pass verlangen, damit endlich meine Scheidung vollzogen werden kann. Bevor ich aber das Bezirksrathaus erreiche, überkommt mich ein plötzlicher Heißhunger nach Kaffee und einem Mettbrötchen mit Zwiebeln. Die Kombination dieses Geschmacks weckt in mir sentimentale Erinnerungen an die Zeit, da ich als Student gejobbt habe und mit den Lagerarbeitern aus dem Kaufhof in Porz-Gremberghoven zum Frühstück zusammen saß (da hatte ich noch Geld...). Also mache ich noch kurz einen Schlenker in die Landmannstraße und halte vor der Kaffeebude am Lenauplatz und gehe hinein. Ich kenne diese Insel des Kaffeeduftes, des geräuschvollen Billig-Porzellanklimperns und des Expressraschelns nun schon seit über zwanzig Jahren, kann mich aber an keine großen Veränderung seitens der Inneneinrichtung erinnern. Nur die Mode der Leute hat sich über die Jahre verändert. Nicht aber die Bude selbst. An einem Stehtisch gruppieren sich ein paar Rentner. Genauer gesagt vier ältere Damen und ein Herr. Ich bestelle meinen Kaffee und mein Mettbrötchen und setze mich an den Tisch daneben. Die Rentner haben grade das Thema Medien im allgemeinen und Anke Engelke im Besonderen zwischen. "...in Ladykracher wo die joh jot. Ävver in dä Läit Neid Schau - dat woh doch nix.", philosphiert die Eine. "Ich finde, das ist mir erst vor kurzem aufgefallen, bei der Bambiverleihung nämhelisch, da hat man genau gesehen, dass die Anke gaaaanz schlechte Zähne hat.", mischt sich eine etwas vornehmere Dame ein. "Isch kunnt die noch nie ligge", stellt der einzige Mann am Tisch fest. Die Tür geht auf und ein Müllmann, nein, äh wie ist jetzt eigentlich die genaue Berufbezeichnung: AWBler? Kehrmännchen? Ein privatisierter ehemals städtischer Abfallbeseitigungsexperte kommt also rein. Orangefarbenes Outfit, Glatze, im linken Ohr eine futuristische Handyfreisprechanlage und in der rechten Hand eine Leine an der ein Mops dranhängt. Die Bedienung hinterm Tresen kommt ins Schwimmen, da sie nicht so Recht weiß ob der AWBler bei Ihr grade was bestellt oder mit seiner Freisprechanlage redet. "...und wat Wasser", fügt er seiner Bestellung hinzu. "Sprudel?", fragt die Bedienung "Für dä Hung!" "Ja, un? Sprudel oder Stilles?" "Dä Schmidt", die Rentner wieder "Dä Schmidt kunnt ich noch nie ligge." "So Showmaster wie Kuhlenkampf gibt es heutzutage ja gar nich mehr!" "Jo, dä wor jot!", einstimmiges Gemurmel am Tisch "Un dä wor sujar im Kreech bei dr Russe jefange!", ergänzt der Rentner. "Tja, so was passiert den heutigen Moderatoren ja leider gar nicht mehr", weiß die feinere Dame zu berichten. Und da sag noch mal jemand, die ältere Generation hätte keinen Durchblick mehr. Während ich mir dieses Treiben so anschaue, überkommt mich auf einmal ein Gefühl der Glücksseligkeit. Draußen mag es zwar noch eine andere Welt geben, mit Bezirksrathäusern, Personalausweisen, Scheidungen und Harzt IV, aber hier drinnen, scheinen diese Themen sich zu verändern, scheinen sich zu minimieren und erhalten eine leichtere Gewichtung. Zwischen Kaffeegeruch und Zwiebelgeschmack und einer pappigen Express unter den Finger wird hier in der Kaffeebud die Welt neudefiniert und simplifiziert. Einmal im Monat tut mir sowas einfach gut. Ich stehe auf, winke den Anwesenden freundlich zu, steige auf mein Rad und bin für den Tag wieder gerüstet. Das ist die Kaffeebud am Lenauplatz. Das ist Ehrenfeld. Bis neulich, Ihr Michael Koslar |















