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Koslars Kolumne:

Dr Ihrefelder Zoch – ein Nachschlag
Wie jedes Jahr gehe ich auch 2005 auf den Ehrenfelder Zug. Schon als kleines Kind, nahm mich mein Vater mit. Früher hatte ich immer Angst vor den großen, schweren Trommeln. Heute habe ich Angst nicht genug Kölsch in meinem Rucksack zu haben. Der Rosenmontagszug ist für mich schon längst passè. Wenn ich mir die Alkoholleichen- und Schlägereistatistik von diesem Jahr so anschaue, dann weiß ich auch warum. Nein, für mich kommt nur der Zoch in Ihrefeld in Frage.

Wie jedes Jahr stehe ich in der Landmannstraße in Höhe der Buchhandlung Feussner (übrigens eine seeehr schöne Veedelsbuchhandlung). Und so auch dieses Jahr. Nur – was ziehe ich an? Ich hatte gar kein Kostüm. In einer Schublade fand ich noch einen verwahrlosten Schminkkasten. Also ging ich als Joker: Weißes Gesicht, grüne Haare, grünes Jacket und rosa Hemd. Antonio, mein Kumpel, ging als Cowboy. Das heißt er hatte sich einen Westernhut von seiner 15jährigen Schwester geklaut und fertig. Zugegeben früher waren wir mal origineller. So standen wir also am Zugweg und kippten einige Kölsch in uns hinein und genossen die familiäre Atmosphäre. Das ist nämlich der große Unterschied zum Rosenmontagszug: das Familiäre, das Veedelsfeeling. Außerdem dauert der Ihrefelder zoch auch lange genug und ist längst nicht so knubbelsvoll, wie sein großer Bruder in der Altstadt.

Neben uns stand eine äußerst, hübsche alleinerziehende, junge Mutter in einem frechen Clownskostüm. An der Hand ihr junger Sohn im Pokèmonkostüm. Wir flachsten ein wenig miteinander und nach einem weiteren Kölsch stimmten wir „Prima colonia“ an. Da ich momentan Single bin, erlaubte ich es mir, mich ein wenig in den hübschen Clown zu verlieben – und nach jedem weiteren Kölsch wurde sie noch hübscher. Die Kamelle, Pralinenpackungen, Putzschwämme und Plastikbälle made in Vietnam, regneten nur so auf uns hernieder. Wir hakten uns ein.

Antonio und ich hatten es uns im Laufe der Jahre angewöhnt zu jedem vorbeifahrenden Festwagen hochzurufen. Wir schauten uns immer eine männliche Person aus und riefen hoch: „Vater, Vater, hier unten, wir stehen heute hier!“ Und reflexartig warf unser neuer auserkorener Vater Kamelle oder/und auch Pralinen in einem Anflug von schlechtem Gewissen, dass er eventuell dann noch ein paar uneheliche Söhne in der Landmannstraße haben könnte. Dieser Trick klappt jedes Jahr und das immerhin bei jedem dritten Festwagen. Doch Antonio war diese Ausbeute zu wenig. Er machte sich einen diebischen Spaß daraus, dem kleinen Pokèmonkind jede Kamelle und Schokoladentafel vor der Nase wegzuschnappen. Und das immer genau dann, wenn die junge Mutter gerade mit mir flirtete. Der Kleine würde wütend und fing irgendwann an zu flennen. Die Mutter begriff gar nicht was in ihren Jungen gefahren war. Und Antonio trieb es noch weiter. Immer dann, wenn die Mutter ihren Kleinen im Blickfeld hatte, schenkte er dem Jungen ein besonders popeliges Bonbon. Und die Mutter nötigte dem Pokèmonkind sogar noch ein Danke Schön an den netten Cowboy ab. Der Kleine war gefoppt und nach einer weiteren halben Stunde auch ich. Denn plötzlich hing mein wunderschöner Clown in den Armen von Antonio anstatt in meinen. Ich war nur noch Luft und sammelte mit dem Kleinen gemeinsam Bonbons, während Antonio und die junge Mutter rumknutschten. Als ob das nicht schon genug gewesen wäre schleuderte mir ein „Vater“ vom Festwagen eine Schachtel Pralinen mit voller Wucht an die Augenbrauen. Die Schachtel titschte ab und landete vor den Füßen eines Bodybuilding-Piraten in Bomberjacke und Karnevalsorden. Ich beschloß, das ich ja schon genug Pralinen hatte und überließ die Packung großzügig dem Piraten, der mit der Beute davon ging, so, als ob er gerade ein Mammut erlegt hätte. Antonio hatte sich mit dem Clown und ihrem Anhang in die nächste Kneipe verzogen. Ich wollte, meinen Rucksack packen und mich auf den Heimweg machen – aber mein Rucksack war weg. Antonio hatte ihr mitgenommen. Kein Kölsch, keine Kamellen. Ich ging nach Hause und schwor mir, dass ich nächstes Jahr auch Cowboy werden würde – oder zumindest Pokèmon.

Ihr Michael Koslar.
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