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Koslars Kolumne:

Mein Vogelsang im
Stadtbezirk Ehrenfeld
Seit meiner letzten Kolumne ist viel Zeit vergangen und mit meinen Finanzen, mit meinem privaten und beruflichen Leben verhielt es sich mal wieder wie mit einer Achterbahn. Zum Glück wohnte ich bis vor kurzem in Vogelsang – was ja offiziell zum Stadtbezirk Köln-Ehrenfeld gehört – und die Tatsache, dass ich in Köln-Vogelsang wohnte, gab mir einen verdammt großen Rückhalt. In Erinnerung an die vielen Jahre dort, dachte ich daher, schreibe ich mal was über Vogelsang.

Hier habe ich meine Kindheit verbracht, hier ging ich zur (Grund-)Schule, hier habe ich Schwimmen gelernt. Ich kann halt besser an einem Ort leben den ich kenne. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, woanders hinzuziehen, was mir, Anfang meiner Zwanziger Jahre des öfteren den Spott meiner Bekannten oder meiner jeweiligen aktuellen Freundin einbrachte.
„Komm, Koslar, hast Du nie dran gedacht hier mal wegzuziehen? Vogelsang ist ja so was von spießig!“
Was heißt hier spießig?! Nur weil die Häuschen in Vogelsang fast alle die gleiche Größe haben, oder weil die Straßen hier alle nach Vögeln benannt sind?
Dohlenweg, Kuckucksweg, Nachtigallweg, Flamingoweg, Goldhähnchenweg, Grasmückenweg – nur den Taubenweg, den gibt’s nicht. War wohl zu banal.
Zugegeben Vogelsang ist jetzt nicht das hippeste Viertel Kölns (verglichen jetzt mit Ehrenfeld), aber bei uns leben auch ne ganze Menge Stenze, Botoxlippen, Ex-Einbrecher, unglückliche Lottogewinner, Sparkästchenplünderer, Brustvergrößerungsopfer und Koksbenutzer – also alles das was eine Großstadt so ausmacht.
Selbstverständlich sind viele der Eingeborenen hier spießig, verklemmt und weltfremd. Das heißt, das Menschen wie ich (abgebrochenes Studium der deutschen Philologie – „Wat is dat dann? Ich dacht Du häts Germanistik studiert?“; alle 3 Monate eine andere Freundin; unsportlich und TV-Moderator) sehr schnell als verrückt, drogenabhängig und oder schwul gelten. Meistens von Männern, die sich mit Ihrer 16-jährigen Stieftochter beim Campen ein Zelt und einen Schlafsack teilen. Oder von den Frauen, die morgens um halb Zehn schon eine umwerfende Schnapsfahne vor sich her tragen. Vogelsang, das ist eine geschlossene Gemeinschaft, eine Art mysteriöses Dorf, wie es in den frühen Romanen von Stephen King oder in der genialen Fernsehreihe „Twilight Zone“ auftaucht. Die Kneipen heißen: Kiebitz, Meisenklause, Zwitscherhäuschen. Und einen Vogelsanger Markt gibt es auch noch – auf dem hat allerdings noch nie (solange ich zumindest lebe) ein Wochenmarkt stattgefunden.

Wenn man an einem Herbstabend nachts von der Wilhelm-Mauser Straße auf die Vogelsangerstraße kommt, könnte man denken, dass am Ende der Straße das Meer anfängt. Direkt hinter dem Militärring.
Der Wind rauscht die kleinen Straßen entlang. Das Windspiel des Apothekers fängt an zu klingen, die Tonbandglocken von der alten St. Konrad schlagen Elf Uhr und die Luft ist feucht und lässt einen ahnen, dass es bald regnen wird. Zerfetzte Meereswolken jagen an einem Vollmond vorbei.
Die Vogelsanger ist eine richtige Küstenstraße.

Die kleinen Wege, die Vorgärten, St. Emmaus mit ihrem 50er Jahre Design, der Kindergarten, das Biesterfeld, die Kiesgrube die bei uns „der Wassermann“ heißt – alle diese kleinen, für Sie unbedeutenden Flecken erinnern mich an meine Kindheit, an die Kinderlieder, an deren Texte ich mich nicht mehr recht entsinnen kann, die auf den Schallplatten drauf waren, die meine Mutter regelmäßig von Emi Elektrola mitbrachte – da arbeitete Sie nämlich.

Zu Weihnachten erzählte mein Vater, der hier ebenfalls geboren wurde, regelmäßig Anekdoten und Geschichten, die sich um die Koslars rankten. Auf unserem Grundstück in Vogelsang galt es früher in erster Linie sich selbst zu verpflegen. Im Garten pflanzte meine Oma Bohnen, Erbsen, Kartoffeln und Möhren an. Zwischendurch ging sie natürlich auch noch arbeiten. Als Näherin bei Josef Brumbach – Feine Herren Schneiderei, Telefon Köln A 220. Im Keller brannte mein Opa Max, den Schnaps selbst – natürlich schwarz. Im Anbau wurden manchmal Pferde notgeschlachtet – natürlich schwarz. Eines Tages wieder soweit war und mein Opa und ein Freund führten mal wieder ein Pferd zum Richtblock. Da sich das Pferd aber enorm wehrte und Opa Max wohl nicht direkt einen tödlichen Hieb ausführen konnte, wieherte es so erbärmlich, dass es die ganze Vogelsangerstraße mitbekam. In dieser Zeit, so um 1952, stand es natürlich unter Strafe Pferde zu schlachten. Und so wurde mein Vater losgeschickt in der Nachbarschaft mehrere Portionen „Schweigefleisch“ zu verteilen. Ein andermal wurde meine Tante Christa angesprochen, ob es denn bei Koslars wieder Pferdefleisch gab. Christa bejahte und ehe es sich meine Familie versah, standen die Vogelsanger an unserer Tür Schlange und Martha, meine Oma, stand in der Küche und briet für alle Mann Frikadellen was das Zeug hielt. Von diesem Tage an beschloß meine Oma, dass in unserem Haus kein Pferd mehr geschlachtet würde.

Nicht nur durch mein eigenes Erleben, sondern durch ebendiese Geschichten bin ich mit Vogelsang verwachsen. Vogelsang hat sich für mich - bis heute - diesen gewissen Charme des teilweise Unentdeckten und auch des „schon-wieder-Vergessenen“ bewahrt.

Bis neulich,

Ihr Michael Koslar
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